FIFFI dampft wieder!

 

Wenn man von  etwas Interessantem nur wenig Informationen bekommt, macht das die Sache nur um so interessanter. So wird die Geschichte der Nassauischen Kleinbahn in mehreren Publikationen sehr ausführlich geschildert. Manchmal findet man in  Jubiläumsschriften z.B. von den ehemaligen Bahnhöfen Braubach, Bogel oder Marienfels noch Bilder oder Anekdoten, die man bisher noch nicht kannte. Aber es bleiben doch noch einige Fragen über den alltäglichen Betriebsablauf offen. Durch meine  sporadische Tätigkeit bei der Interessengemeinschaft Brohltal Schmalspurbahn (IBS) erlebe ich dann manches “Aha-Erlebnis” im Rotten- oder Werkstattdienst.

Aber was mich schon längere Zeit beschäftigte, war das Schicksal einer Lokomotive,  die von 1917 bis 1920 auf den Gleisen der NKAG eingesetzt wurde. So waren die Angaben über den Einsatz und den Verbleib dieser Lok teilweise sehr widersprüchlich. So ist noch nicht einmal die Nummer im Nummernplan der NKAG einheitlich  angegeben. Sie wird als Lok 15 (in erster Besetzung) oder auch als Lok 21 bezeichnet. Ich  persönlich halte die Bezeichnung Lok 15 für wahrscheinlicher, da die meisten Bahnen Neuzugänge - auch Exoten - im Allgemeinen nahtlos in ihr  Nummernschema integrierten. Über folgende Details war man sich jedoch einig:

Im Jahr 1914 lieferte die Firma Henschel & Sohn (Kassel) zwei Lokomotiven mit den Fabriknummern 12 879 und 12 880 an die Heerestechnische Prüfungskommission.  Lok 12 879 war eine C-Kuppler Tenderlok in Heissdampfausführung. Ihre fast identische Schwesterlok wurde in der herkömmlichen Naßdampfausführung gefertigt. Bis auf die, für die Dampfüberhitzung notwendigen Rauchrohre und die kleineren  Wasserkästen bei der Heißdampflok waren beide Maschinen gleich konstruiert. Selbst die Kolbenschieber waren bei beiden Loks gleich, obwohl die Naßdampflok sich auch mit herkömmlichen Flachschiebern begnügt hätte. Diese weitgehende  Baugleichheit ermöglichte  einen direkten Vergleich von Heiß- und Nassdampftechnik. Die Lokomotiven waren selbst für C-Kuppler sehr kurz (LÜP: 7734mm) und hatten einen Kessel mit einem inneren Durchmesser von 1326 mm. Dadurch wirkten sie sehr  gedrungen, fast bullig. Auffallend waren auch der große Überhang im Bereich des Stehkessels, sowie der große Dampfdom. Die Leistung betrug 305 bzw. 235 PS. Verglichen mit 160 PS vergleichbarer C-Kuppler (z.B. Lok 1-8 NKAG, Lok 1-3  Klb.  Selters-Hachenburg, Lok 1-6 GHE) , doch eine beachtliche Leistung

mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreises Selketalbahn

 Beide Loks wurden im Rahmen eines Manövers württembergischer Eisenbahnpioniere im Harz, in der Nähe von Drei Annen Hohne, auf einer eigens dazu errichteten Strecke erprobt. Die Erprobung war  1917 beendet. Die Heißdampflok wurde an Ort und Stelle an die  Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahngesellschaft (NWE) verkauft und als NWE 6 eingereiht. Die Naßdampflok wurde an die  Nassauische  Kleinbahn AG als Ersatz für die 1914 requirierte Lok 9 (Dn2t - Borsig) abgegeben. Trotz ihrer beachtlichen Zugkraft, war sie wohl ein Außenseiter . Die 3 Kuppelachsen waren starr und ohne  Seitenspiel im Rahmen gelagert, wodurch sie in engen Kurven zwängte. Auch ist für ihren späteren Betriebsort (bei der NWE) belegt, daß die Lok bei voller Kohlenbeladung, bedingt durch die großen  Überhänge, die vordere  Kuppelachse entlastete. Dadurch neigte die Lok bei schlechtem Oberbau zum Entgleisen. Auch war eine Achslast von über 10t nicht unproblematisch für den schwachen, durch die  Kriegszeiten vernachlässigten Oberbau. Da sie die einzige Lokomotive ihrer Baureihe bei der NKAG war, scheint auch die Ersatzteilbevorratung relativ aufwendig gewesen zu sein.

  Da 1917 drei weitere D-Kuppler (Lok12-14) von der Firma Henschel an die NKAG ausgeliefert wurden, war der ungeliebte Exot bald entbehrlich. Die NWE, die schon mit der Heißdampflok gute  Erfahrungen gemacht hatten, kaufte 1920 auch die Naßdampflok. Nach einer  Probefahrt am 10. Mai 1921 zwischen Wernigerode - Steinerne Renne erhielt die Maschine die NWE Nr. 7.

  Es ist nur noch vermerkt, daß NWE 6 bei der Übernahme durch die Reichsbahn 1949 als 996101 die NWE 7 ex NKAG 15 als 996102 in den Nummernplan eingereiht wurden.

 Dann verliert sich die Spur für eine Weile.......................

 In einem Taschenbuch für Schmalspurlokomotiven tauchen die Loks 996101 und 996102 kurz auf. Dort ist aber kein Hinweis auf die  Verwendung der 996102 bei der NKAG vorhanden. Nur ein  Vermerk, das beide Maschinen wegen der geringen Streckeneignung für den Rollbockverkehr in Wernigerode verwendet wurden. Als letzte Jahreszahl war 1970 angegeben.

  Das gab mir etwas Hoffnung, daß beide Loks noch vorhanden seien. Den nächsten Hinweis fand ich in einem Sonderheft über  Schmalspurlokomotiven. Dort ist bemerkt, daß 1967 die kupferne  Feuerbüchsen gegen stählerne ausgetauscht wurden, die Kolbenschieber gegen  solche der Bauart Trofimoff. Bei der NWE wurden Hardy-Vakuumbremsen, bei der DRG eine 2-stufige Druckluftbremse  eingebaut. Nach  Ablauf der Kesselfrist wurde zuerst am 31.Januar 1987 die 996102, dann am 9.März 1992 die 996101 abgestellt.

Foto: Klaus Gottschling Mitglied im FSK

mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreises Selketalbahn

Für Traditionsfahrten wurde die 996101 im Mai 1994 jetzt von der Interessengemeinschaft Harzer  Schmalspurbahnen für die Harzer  Schmalspurbahnen GmbH hergerichtet.

 

 Doch dann kam das Internet. Monatlich, ja fast täglich konnte man verfolgen, wie die Anzahl der Webseiten auch im Bereich der Hobbyeisenbahner anschwoll. Frisch gesurft ist halb gewonnen.

 Den ersten Hinweis auf die Lokzwillinge fand ich auf der Homepage der HSB. Dort war die 996101 mit Kesselrevision aufgeführt, die 996102  als Betriebsreserve. Doch wie betriebsfähig ist eine  Dampflok in Betriebsreserve?? Den nächsten Hinweis bekam ich auf den Internet-Seiten des Freundeskreises Selketalbahn e.V. (FKS). Dort wurde u.A. aufgeführt:

 “So haben wir es z.B. mit der Unterstützung der Werkstatt der HSB und Spendengeldern geschafft, die seit 1987 abgestellte Lok 996102  (Spitzname Fiffi) aufzuarbeiten und anläßlich  der Feierlichkeiten zu 110 Jahre Selketalbahn im August 1997 wieder in Betrieb zu nehmen.”

Weiter wurden noch einige Details zur Geschichte vom “Fiffi” aufgeführt:

 “Auf der infolge Reparationen demontierten Selketalbahn wurden nach dem Wiederaufbau im Jahre 1949 Lokomotiven gebraucht. Deshalb brachte man 996102 auf diese Strecke. Der  vernachlässigte Oberbau führte Anfang der 80er Jahre dazu, das Fiff häufig entgleiste.  Deshalb verfügte die DR ein Einsatzverbot für die Lokomotive. Im Jahr 1986 herrschte  Lokmangel wegen des Umbaus der großen  Lokomotiven von Öl- auf Rostfeuerung und der Umstellung der Wagen von Saug- auf Druckluftbremse. In der Wernigeroder Werkstatt mit  Druckluftbremsanlage ausgestattet durfte Fiffi ab September 1986 für kurze Zeit wieder Reisezüge durch das Selketal ziehen.  Der  31.01.1987 war das Datum für den Ablauf der  Kesselfrist. Kurz vorher, am 07.01.1987 schob man die ehemalige Heeresfeldbahnlok in Wernigerode auf ein Abstellgleis. Anläßlich zur 100 Jahr Feier der Gernroder-Harzgeroder-Eisenbahn (GHE) im August 1987 weilte Lok 996102 ein paar Tage  auf einer Fahrzeugausstellung in Gernrode.

 Im Jahr 1990 übergab die DR Fiffi in die Obhut der < AG Selketalbahn>, aus der unser Verein <Freundeskreis Selketalbahn e.V.> hervorgegangen ist. Fiffi kam somit nach  Gernrode zurück. Im Sommer 1996 beschloß unser Vereinsvorstand, mit den Arbeiten zur Wiederinbetriebnahme der Lok zu beginnen. Dazu mußte Fiffi in Einzelteile zerlegt werden.  Mit dem Auseinandernehmen begann die <Arbeitsgruppe 996102> am 31.Oktober 1996. Dank der Hilfe vom Verein <IG Harzer Schmalspurbahnen e.V.> erfolgte am 24.November  die Überführung von Fiffis Fahrwerk und Kessel nach Wernigerode. Die eigenartige Fuhre zog Schwesterlok 996101. In der Wernigeroder Lokwerkstatt wurde Fiffis Kessel vom  Fahrwerk gelöst, um ihn zur Aufarbeitung in das Ausbesserungswerk Meiningen zu bringen. Viele  Wochenendeinsätze unserer Vereinsfreunde waren nötig zum aufarbeiten der Einzelteile und zum Zusammenbau von Fiffi. Lohn der  Mühen war die feierliche  Wiederindienststellung am 7.August 1997. Dieses Ereignis bildete zugleich den Höhepunkt der Feierlichkeiten anläßlich <110 Jahre Gernroder-Harzgeroder Eisenbahn>.

  Lok Fiffi kommt seit dem vor Sonderzügen und bei Charterfahrten zum Einsatz. Einige Sonderfahrten führten sogar von Gernrode hinauf zum Brocken und zurück.”

  Meine Neugierde wurde befriedigt. Vielleicht schaffe ich es ja und kann die letzte betriebsfähige Dampflok besuchen, die je auf den Gleisen der Nassauischen Kleinbahn fuhr.

 Aber die Hauptsache ist doch:            

                                                                         

Fiffi dampft wieder!!!

Link zur Selketalbahn

 

Nachtrag

Fiffi’s “Kesselfrist” war leider in Jahr 2001 abgelaufen. Doch der Freundeskreis Selketalbahn hat jede Menge Geld und Arbeit investiert, um die  Lok wieder auf die Strecke zu schicken. Eine Charterfahrt auf den Brocken konnte ich letztes Jahr mit machen. Als das Fahrwerk der Lok 99-6001 überholt wurde, durfte Fiffi sogar Plandampf im Selketal fahren. Doch leider hatte die Lok gegen Ende 2003 wieder Probleme mit dem Kessel und wurde abgestellt. Seit etwa Ostern 2004 läuft die Lok wieder. Sie wird jetzt hauptsächlich für kürzere Sonderfahrten und als Ersatzlok im Plandienst  Selketal eingesetzt. Letzter Stand: 2015 war Fiffi noch bei der MALOWA in Benndorf (Sachsen-Anhalt). Da eine Kesselerneuerung ca. €350000 kosten soll, wurde diese bis auf Weiteres zurück gestellt. Fiffi wird also nur rollfähig aufgearbeitet und sollte 2016 wieder im Selketal sein.

 Quellenangaben: Obermayer/ Deutsche Eisenbahnen - Band Schmalspurdampflokomotiven

  Bahn Extra / Eisenbahnfahrzeug-Katalog  Schmalspur Dampflokomotiven

    Wolf / Deutsche Klein und Privatbahnen  Band 1  Rheinland-Pfalz und Saarland

  Eckert / Klein und Nebenbahnen im Taunus

  Jahn / Musick / Rosenkranz / Die Nassauische Kleinbahn

 Diverse Seiten aus dem Internet u.a. von der HSB, der Selketalbahn, des FKS    
Die    Internetseiten wurden teilweise wörtlich zitiert.