Tagebuch
Ob. Mat. Artell.
Paul Dorscheimer

 

Meine Ausreise an Bord des Dampfers

Spreewald nach Ost Asien am 9.Januar 1909

 

Ihr woll‘n wir treu ergeben sein

getreu bis in den Tod

Ihr woll‘n wir unser Leben weih‘n

Der Flaggen, schwarz, weiß, rot

 Hurrah

( Das sogenannte Fahnenlied wurde von der Besatzung des Kanonenbootes “Iltis (I)” wĂ€hrend des Untergangs ihres Schiffes gesungen)

 

 

Es war am 1. Okt. 08. da ich mich bei der Stammabteilung der Matr. Art. Kiautschou in Cuxhafen stellen mußte. UngefĂ€hr Abend 7 Uhr, kam ich von Köln her kommend dort an, um am gleichen Abend noch in das Fort Thomsen ĂŒberwiesen zu werden. Hier in diesem Fort bekam ich meine Rekrutenausbildung. Unstreitig war es eine schwierige Aufgabe vom KompaniefĂŒhrer bis zum Rekruten sich in möglichst kurzer Zeit, sich im Intfantriedienst sowie im Artelleriedienst, soviel beizubringen daß man mit dem Bewußtsein gehen konnte eine Batterie bedienen zu können, & bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Deshalb gab es manche schwere Tage im Fort Thomsen.

Freudig begrĂŒĂŸten wir den 21 Dezember der uns die Kunde brachte, vor der Abreise nochmals den Lieben zu Hause ein Lebewohl zu sagen. Fast alle bekamen 14 Tage Urlaub. Eine herrliche Zeit fĂŒr einen Soldaten. Am 3. Januar mußten wir wieder im Fort zurĂŒck sein, um unsere KleidersĂ€cke zu packen und zu verladen. Unruhig war die letze Nacht in der Batterie und alles harrt der Dinge, die mit Anbruch des 9. Januars ihren Anfang nehmen sollten.

 

Beginn der Reise

Es kann ja nicht immer so bleiben

hier unter dem Wechsel der Zeit

der Krieg muß den Frieden vertreiben

Zum Krieg, sind wir immer bereit

 

Der frĂŒhe Morgen des 9.Jan. fand die 2. Komp. der Stammabteilung in emsiger TĂ€tigkeit. Um 2 Uhr Nachts trat die Komp. zum letzten mal im Vorhof an Alsdann rĂŒckten wir ab. An der Kirche trafen wir mit der1. Komp. zusammen. Von dort ging es dann mit der Musik der IV. Mat. Art. Abt  durch die Stadt nach dem Bahnhof. Der Inspekteur der KĂŒstenartillerie verabschiedete sich von uns. Die Musik der IV. Abt. setzte ein mit dem Lied: Muß i denn Muß i denn u.s.w. Ein vielhundertstimmiges Hurrah auf unsere zurĂŒckbleibende Kammeraden. Der Zug setzt sich in Bewegung & bald sind wir den Blicken der Cuxhafener entschwunden. Es war eine Ă€ußerst fidele Fahrt bis W.Hafen (Wilhelmshafen) und wird mir noch lange im GedĂ€chniße bleiben. Morgens um 10 Uhr kamen wir an und fuhren direkt auf die Mole, wo zwischen Linienschiffen, großen und kleinen Kreuzern ein mĂ€chtiger Kasten lag.

Die Spreewald, ein fast 200m langes Ungeheuer, sollte fĂŒr ungefĂ€hr 7 Wochen meine Heimat sein. Eine mĂ€chtige Rauchwolke und das geschĂ€ftliche Treiben verriet, daß der Dampfer zur Abfahrt bereit lag. Eine freudige Stimmung kam ĂŒber jeden, der dieses stattliche Schiff am Kai liegen sah. Und warum sollte nicht das Herz einem “blauen Jungen” höher schlagen dem es beschieden ist einige Wochen auf diesem Schiffe zu wohnen und zu leben.

           

Abschied von der Heimat

von hohem Mast und ĂŒberall

da grĂŒĂŸ ich Dich zum letzten mal

lieb Heimatland ade

 

Alles stand jetzt auf Oberdeck der Abfahrt harrend. Um 4 Uhr geht‘s los ging es von Mund zu Mund. Minuten zĂ€hlen nun. Inzwischen erschien die Musik des II. Seebataillons, hunderte von Menschen eilten der Mole zu. Der Chef der Nordseestation erschien kurz vor der Abfahrt und hielt noch eine Ansprache, zuletzt ein dreifaches Hurrah  auf Kaiser und Reich. Kaum war der Chef der Nordseestation, Seine Exzellenz Admiral von Fischel wieder an Land, als noch gleich das Fallreep hochgezogen wurde, die Sirene ertönte & unsere Spreewald wurde von 2 Schleppern, unter der Musik des II. Seebatt. von der Mole, durch die Schleuse hinweg geschleppt. Endlich bewegte sich die mĂ€chtige Schraube unseres Spreewald. Die Musik spielte Abschiedslieder, in welche wir einstimmten. Die zurĂŒckgebliebenen Kameraden schwenkten MĂŒtzen & TaschentĂŒcher ein letztes GrĂŒĂŸen, ein letztes Lebewohl von Dir Heimat und an die lieben in derselben. Der heiß geliebte deutsche Boden entschwand, immer mehr als schmaler KĂŒstenstreif im Nebel des Januartags. Mit welchen Gedanken und GefĂŒhlen schieden wohl die meisten ? So manchem war es nicht vergönnt unter den MĂŒttern, die Hand zu reichen. Doch unsere Gedanken weilten in dieser Stunde bei ihnen, denn wer weiß, ob wir uns wiedersehn?

 

Aus den heimischen GewÀssern

vom Fels zum Meer

in traulichem Verein

Wir heißen Deutsche

Wollen Deutsche sein

 

Die Weserforts waren die letzten Befestigungen des deutschen Landes, die uns zu Gesicht kamen. Gegen 9h abends kamen wir aus dem Jadebusen in die Nordsee. Es ist sehr nebelig und haben hohen Seegang. Andern Tages gesichten wir die ostfriesischen Inselgruppen und spĂ€t am Abend auf Backbordseite die Belgische & NiederlĂ€ndische KĂŒste

 

Straße von Dover – Calais

 

Jeder Matrose der deutschen Marine der schon im Auslande war, kennt diese Linie und jeder weiß, das mit ĂŒberschreiten dieser Grenze die Kriegsgesetze ĂŒber ihn in Kraft treten weil er sich in außerheimschen GewĂ€ssern befindet.

Diese Linie passierten wir um 8 Uhr abends. Auf Steuerbordseite war der Leuchtturm von Dover und in einer langen Lichterkette die Stadt Dover selbst, auf Backbordseite etwas nĂ€her die Stadt und der Hafen von Calais. Die See wird immer unruhiger die Bulleys mĂŒssen geschlossen werden damit das Zwischendeck nicht unter Wasser gesetzt wird. Die französische Festung Brest mit ihrem grĂ¶ĂŸten Leuchtturm der Welt der “Preußische Grenadier” wird  passiert & wir befinden uns jetzt im Golf von Viskaya (Biskaya)

 

Im Atlantischen Ozean

 

Als wir den Kanal hinter uns hatten & in die NĂ€he des Golfes kamen, wurde die See immer wilder, graue Wolken hingen am Himmel & der Sturm heulte zwischen den Masten, das es mir jetzt noch in den Ohren klingt. Haushohe Wellen wĂ€lzten sich heran an unseren Spreewald als wollten sie ihn verschlingen. Dieser Sturm dauerte ungefĂ€hr 2 Tage lang. Es mußte natĂŒrlich nun mancher Kamerad dem Meere seinen Tribut zahlen; in Gestalt der Seekrankheit. Als wir am 12. Abend 6 Uhr den Leuchtturm von Cap Finistere passierten, & somit der spanischen KĂŒste nĂ€her kamen wurde die See etwas ruhiger & der Sturm ließ nach. In zwischen wurde es auch ganz sommerlich warm, ein freundliches Wetter. Nachmitags am 19. Jan. sahen wir auf Backbordseite hohes Gebirg. Es ist Portugal. Zahlreiche Fischerboote & ein & auslaufende Dampfer bezeichnen die Stelle wo sich der Tayo in den Ozean ergießt an dessen MĂŒndung die Hauptstadt Lissabon liegt. Bis Kap Vinizenz bietet sich den Augen eine herrliche Landschaft, hohe rote Felsen. Auf der vorderen Kante der Leuchturm dahinter schöne weiße Villen. Das ist Vinzenz. Am nĂ€chsten Morgen hatten wir herrliches Wetter, & ruhige See die immer grĂ¶ĂŸer werdende Scharen von Seemöven zeigen an daß wir uns in der NĂ€he von Land befinden. Um 9 Uhr zeigt sich an Backbordseite  ein schmaler Streifen, der immer deutlicher heraustritt, es ist die SĂŒdkĂŒste Spaniens bald darauf sieht man auf Steuerbordseite die NordkĂŒste von Afrika.

Eine Stunde spĂ€ter befinden wir uns in der Straße von Gibraltar. Hier nĂ€hert sich Europa und Afrika bis auf 15 km. Zauberisch schön liegt auf einmal Tanger und das durch die Marokkokonferenz so berĂŒhmte Algeciras vor uns. Ich muß unwillkĂŒrlich an das Lied: “Kennst du das Land wo die Zitronen blĂŒhen” denken. Überall, geschĂ€ftige Landleute blĂŒhende Gefilde, schön, herrliche Dörfer, wie man sichs kaum malen kann. Um 11h zeigt sich Gibraltar. Zuerst den riesigen Hafen und die herrliche Stadt. Endlich kommt die lang ersehnte Festung : Gibraltar. Vor unseren Augen steigt ein mĂ€chtiger, fast senkrechter Felsblock in die Höhe  gelb ins grau spielend, nirgends ein GrĂ€schen ein grĂŒner Fleck, Baum oder Strauch. In diesem Block war Menschenhand rastlos tĂ€tig, hat Menschengeist ungeheuer geleistet. Von weitem ist freilich nicht zu sehen, das auf dem Felsen Tod und Verderben lauert, bereit alle Augenblicke loszulegen, ist doch der ganze Fels ausgehöhlt, zu Kasematten gebaut & zu GeschĂŒtzstĂ€nde gemeißelt. Aus welchem die neuesten und schwersten GeschĂŒtze drohend ihre MĂŒndungen herausragen. Weit drĂŒben grĂŒĂŸt uns noch die englische Signalstation, stolz, mĂ€chtig, ein Zeichen englischer GrĂ¶ĂŸe, englischen Geistes.

 

Im Mittelmeer

 

Ganz anders als im Atlantischen gestaltet Sich die Fahrt im Mittelmeer. Vorher stĂŒrmisch Und kalt, jetzt herrliches warmes FrĂŒhlingswetter. Die See ist so glatt wie ein Spiegel; rechts blicken Die Berge von Nordafrika schwarz und dĂŒster herĂŒber , links lauter grĂŒne Weinberge. Welch ein Unterschied. Wir fahren nahe der afrikanischen KĂŒste entlang wĂ€hrenddem die europĂ€ische immer mehr verschwindet. Kolossale SchwĂ€rme von Seemöven begleiten uns. Das Atlasgebirge wird immer höher, es ist der große Atlas welcher noch bis zur HĂ€lfte mit Schnee und Eis bedeckt ist. Heute, den 15. Jan. nimmt das Gebirge mehr und mehr ab, auch sieht man vereinzelt Palmen stehen. Es ist die französische Kolonie Algir. Und gegen Abend zeigt sich auch die Stadt Algir. Es ist eine ziemlich große, am Bergabhange gebaute Stadt. Hier in der NĂ€he sahn wir auch die ersten Haifische. Es ist immer das herrlichste FrĂŒhlingswetter, gegen Mittag des 17. Jan. fuhren wir an der Insel Malta vorĂŒber, mit der schönen, fast mĂ€rchenhaften Hauptstadt La Valeta, ĂŒber welche eine starke mĂ€chtige, natĂŒrlich englische, Festung thront. Auch sahen wir den großen Kriegshafen mit dem “Englischen Mittelmeergeschwader” und welcher gut befestigt ist. Mit der Signalstation wurden die ĂŒblichen BegrĂŒĂŸungen gewechselt. Leider verschwand das hĂŒbsche Bild rasch. Auf Steuerbordseite sahn wir spĂ€ter noch einige AuslĂ€ufer der Insel Sizilien.

Heute den 20. ist alles aufgeregt, denn wir solln in Port Said einlaufen. Gegen 9 h morgens wird das Wasser schmutziggelb. Ein sicheres Zeichen, dass wir uns, obgleich noch kein Land zu sehn, in der NĂ€he des Nildeltas befinden. Um 10 Âœ h kam uns Land zu Gesicht das heiß & langersehnte Ägypten. Um  11 Âœ kam der Lotse an Bord. Kurz ehe wir in den Hafen einfuhren begegnet uns der Dampfer Göben von Australien kommend. Unser TransportfĂŒhrer steht auf der KommandobrĂŒcke dem Göben eine glĂŒckliche Reise wĂŒnschend. Dann noch ein dreifaches hurrah. Auf dem Dampfer hallts dieselbe Weise wieder. Am Hafen passieren wir das Lessepes Denkmal den Erbauer des Suez-Kanal. Am Kai selbst stehn  die großen VerwaltungsgebĂ€ude des Kanals. Sobald das Schiff die Anker geworfen und festgemacht hat, waren wir auch schon umgeben von Barken und Booten beladen mit Cigaretten und Apfelsinen und allen möglichen SĂŒdfrĂŒchten und alles wollte verkaufen, es war fast nicht mehr mit anzuhören wie sie riefen: “Cigaretten,Cigaretten Apfelsin, Apfelsin”. Port Said ist sehr schön, reinlicher als gedacht. Auf den Straßen ein recht orientalisches Leben. Tiefverschleierte Frauen, TĂŒrken und schöne Christinnen, Franzosen, Deutsche, EnglĂ€nder, Neger etc. kurz und gut man konnte alle Menschenrassen sehn. Um 5 h mußte alles wieder an Bord sein. Daselbst ankommend sahn wir noch, wie ein Haufen Negerweiber ungefĂ€hr 200 StĂŒck nur mit einem alten Lappen um die Lenden bekleidet, mit einem fĂŒrchterlichen Geschrei damit beschĂ€ftigt war, den letzten Rest der Kohlen an Bord zu schaffen, nĂ€mlich in Bastkörben, welche sie auf dem RĂŒcken trugen.

Ich konnte nichts mehr menschliches an diesen armen Geschöpfen mehr finden es war mehr tierisches an ihnen. Um 7 h wurden die Anker gelichtet und die Fahrt ging jetzt durch den Suezkanal.

 
Im Roten Meer

 

Arabien du heißes Land

beschattet nur vom Dattelbaum

der Klang der Töne der Fröhlichkeit

erschallt mir wie ein Traum

 

Da unser Spreewald 9m Tiefgang hatte und der Kanal 10m tief ist, kann man sich lebhaft denken, daß wir ganz langsam fuhren, brauchen wir doch nicht  weniger als 18 Stunden zu der 160km langen Wasserstraße. Noch lange sahen wir die Lichter von Port Said . Auch hörten wir noch die singenden Stimmen der Araber welche ihr Abendgebet herleierten. Am Bug leuchtet der Scheinwerfer den wir in Port Said an Bord genommen hatten. Nun hatten wir auf Backbord Asien bzw. Arabien mit der arabisch-syrischen WĂŒste auf Steuerbordseite Afrika mit vielen zerklĂŒfteten GebirgszĂŒgen hier und der unterbrochenen von lieblichen mit Ananas und CocosnußbĂ€umen bewachsenen mit freundlichen HĂ€usern geschmĂŒckte Osten. Wir begegneten vielen Baggermaschinen auf welchen nur Neger und Araber beschĂ€ftigt sind. Ganz in der NĂ€he einer solchen Kiste sehn wir BasthĂŒtten die nur von Negern und Arabern bewohnt sind. Als wir den Kanal entlang fuhren lĂ€uft die Schmagegesellschaft zusammen und brĂŒllt “brrrrr brrrr” etc. Am Oberdeck eines Baggers liegt ein alter Araber auf dem Gesicht und betet mit schallender Stimme sein Morgengebet. Er erhebt sich, wirft sich nieder verbeugt sich schlĂ€gt sich mit den HĂ€nden ins Gesicht, kreuzt die Arme ĂŒber die Brust und verbeugt sich immer und immer wieder in die Richtung der Sonne welche im Osten soeben aufgeht. Auch passiern wir eine Signalstation, an welche sich ein Araberdorf anschließt. Gegen Mittag bekommen wir eine Karawane zu Gesicht eine bunte Abwechslung im eintönigen WĂŒstensand. Um 2 h nachmittags liefen wir Suez an, wo wir an der Außenreede Âœ stĂŒndigen Aufenthalt nahmen, um unsern Scheinwerfer abzugeben.

Gegen Âœ 3 fuhren wir weiter, gegen SĂŒden und sichteten den Berg Sinai und 12 Aposteln. Hier ist die Stelle wo das Volk Israel durch das Meer gezogen sein soll. Schon bei unserer Abfahrt von Suez, merkten wir die immer mehr und mehr zunehmende Hitze. Wir sind in den Tropen wo fast unmittelbar ohne DĂ€mmerung die Nacht dem Tage folgt. 5 Tage fahren wir im Roten Meer.

Kein LĂŒftchen regt sich und es herrscht eine drĂŒckende Hitze. Ab & zu zeigen sich fliegende Fische die scharenweise aus dem Wasser hervorkommen und Strecken von 100-150 m fliegen, um dann im Wasser wieder zu verschwinden. Heute am 26.Jan. ist alles damit beschĂ€ftigt, dem Schiff, da morgen “Kaisers-geburtstag” ist einen festlichen Anstrich zu geben. Achterdeck wurde eine BĂŒhne gebaut, um einige Vorstellungen zu geben, welche aufs Beste gelangen. Am 5.Tage gelangen wir in die Straße “Bab el Mandeb” oder Tor der TrĂ€nen genannt. Der Name rĂŒhrt daher weil hier ein sehr gefĂ€hrliches Fahrwasser ist. Wieviel Schiffe mögen hier schon zu Grunde gegangen sein und wieviel TrĂ€nen darĂŒber geflossen sein ? Heute ist “Kaisersgeburtstag” aber alles ist still auf dem Schiff denn wir haben einen schwerkranken Kameraden an Bord und mußten Aden als Nothafen anlaufen und liefen daselbst um 9 h morgens ein. Nachdem der Kranke abgeholt und im Lazarett untergebracht war, liefen wir wieder aus und wie ernst ging die Feier vor sich.

Wir wurden im Indischen Ozean auch von einer Regenböe ĂŒberrascht, ungeheure Wassermassen

stĂŒrzten auf Deck, alles ĂŒberschwemmend. Auf Backbord zeigt sich die Insel Sucrata auf Steuerbord sichten wir Cap Gardafni mit seinem hellen Leuchtturm, der uns die letzten GrĂŒĂŸe aus Afrika bringt. Unser Spreewald fĂ€hrt mit 12 Knoten Geschwindigkeit, der Kurs nach Colombo.

 

Colombo

 

Fern von der Heimat unter Palmen

in den LĂ€ndern sonndurchglĂŒht

Kolibris mit bunten FlĂŒgel

schwirren um die WunderblĂŒte

 

Über uns spannt sich der herrliche mit Sternen bedeckte Himmel und der helleuchtende Mond geht auf. Am Tage bietet sich auf der weiten FlĂ€che des Ozeans nichts neues. Heute, den 1. Februar bekommen wir die Inselgruppe der Kukkadinen in Sicht. Gegen Mittag sichten wir in nebliger Ferne, Indiens KĂŒste. Den anderen Morgen um 4 h frĂŒh sah man in weiter Ferne den Leuchtturm von Colombo. Erst gegen 6 Uhr fahren wir in den Hafen ein. Es war ein schöner Anblick die großen Schiffe verschiedener Nationen. Dazwischen die Eingeborenen mit ihren ausgehöhlten BaumstĂ€mmen. Alle sind sehr schmal und haben, um sie vorm umfallen zu bewahren, an zwei Sprengel auf der Seite einen Baumstamm. Bald ist unser Schiff von vielen solchen Fahrzeugen umgeben welche sichtlich gefĂŒllt sind mit den sĂŒĂŸesten SĂŒdfrĂŒchten, wie z.B. Banane, Ananas, CocosnĂŒsse etc. In Colombo ist wieder dasselbe Bild. Halbnackte HĂ€ndler welche versuchen ihre Ware an den Mann zu bringen. Die Straßen im europĂ€ischen Viertel sind schön gebaut.

Als wir dann in die Eingeborenen oder Singhalesenstadt kamen, hatte sich das Bild verĂ€ndert. Die Straßen wurden immer enger und schmutziger, anstatt HĂ€user nur HĂŒtten. Überall wurden wir von Eingeborenen umzingelt, die bettelten. Zauberer und SchlangenbĂ€ndiger boten das Unglaublichste. Als wir uns Colombo angeschaut & in einem Cafe unseren Hunger und Durst gestillt hatten, was sehr teuer war, kostete ja eine Limonade nicht weniger als 50Pf, war es Zeit, daß wir uns wieder an Bord begaben. Gegen 11h lichteten wir die Anker und weiter durchquerten wir den Ozean. Wir umfuhren Ceylon und bald zeigte sich im Norden die Inselgruppe der Nikobaren. Den andern Tag sichten wir Siam sowie die Insel Sumatra und bald fuhren wir in der Straße von Malaka. Die hollĂ€ndische, trotz eifrigen Strebens noch nicht ganz kultivierte Insel Sumatra, wird hier durch viele kleine Inseln, die fĂŒr die Schiffahrt eine nicht unbedeutende Gefahr bringen, mit Hinterindien verbunden. Bald verlieren wir diese Inselgruppe aus den Augen und kommen in die NĂ€he von Singapur. Am fernen Himmel ragt empor die Signalstation von

 

Singapur

 

Je mehr wir uns dieser Stadt nĂ€herten, desto zahlreicher wurden die Schiffe, Segelboote, Chinesische Dschunken etc. An der Außenreede drehten wir bei und gaben unsere Post ab und nahmen unsere an Bord, alsdann dampften wir weiter, nachdem wir die ĂŒblichen GrĂŒĂŸe mit der Signalstation und mit unserm Kanonenboot “Jaguar”, welcher auf der Reede lag, gewechselt war, war auch Singapur unseren Blicken entschwunden. Dieses war der sĂŒdlichste Punkt, fast unter dem Äquator, die Entfernung betrug nur noch 1 Grad. Alsdann ging es wieder nördlich. Man merkt es jetzt immer besser, daß wir nördlich fahren, denn es wird immer frischer. Wir fahren jetzt im SĂŒdchinesischen Meer und es zeigen sich hunderte von chinesischen

Dschunken & Sampans die Fischfang treiben. Die Fahrzeuge sind ĂŒberall mit bunten Papierstreifen beklebt die vor eindringen böser Geister schĂŒtzen soll. Man begegnet nur noch kleineren Inseln und das Meer ist schmutziggelb. Auf Backbord zeigt sich ein hohes Gebirge vor unseren Blicken. AllmĂ€hlich zeigt sich eine kolossale Ausbuchtung. Es ist schon beinah dunkel, als wir in den Hafen von

 Honkong einfuhren.

 

In den ostindischen Garnisonen

wild ruft der Sturm an Chinas KĂŒste

aus grauen Nebel Hinterhalt

ein flĂŒchtiges Gebirge wallt

 

Um 7 h abends am 14.02. rasselten unsere Anker im Hafen von Honkong in die Tiefe. Welch herrliche Anblick bot sich unseren Augen Grenzen sind keine zu sehn. Man weiß nicht wo der Hafen anfĂ€ngt & die Stadt aufhört. Alles ein Lichtermeer. Wir hatten uns kaum dieses herrliche Schauspiel richtig betrachtet, als schon von unserm Kanonenboot “Iltis” ein Boot anlegte und uns eine Besuch abstattete. Das ist wieder eine Freude, wenn man wieder deutsche Kameraden besuchen kann. Wir freuten uns schon auf den andern Tag wo wir an Land durften. Als der lang ersehnte Tag anbrach konnten wir ein nie gesehenes Panorama erblicken. Um uns herum Schiffer aller Nationen. Japanische und russische Kriegsschiffe liegen direkt beieinander hier findet man englische und dort Chinesische Kreuzer und Linienschiffe. Inmitten dieser mĂ€chtigen Kolosse lag unser kleines stolzes Kanonenboot Iltis (Iltis II) die Flagge schwarz weiß rot zeigend. Honkong selbst ist terassenförmig den Peak hinauf gebaut und wird durch den Hafen in 2 Teile geteilt der bessere europĂ€ische Stadtteil heißt Auguste Viktoria der andere, chinesische heißt Kowene Die Viktoria-Stadt war unser nĂ€chstes Ziel. Schöne Anlagen und prĂ€chtige Bauten zieren die Straßen Auch durchkreuzt die Elektrische die Stadt nach allen Richtungen. Das Chinesenviertel ist weniger interessant. In den LĂ€den sitzen Erwachsene und Kinder und reinigen das fettriefende Haar.

In der Markthalle herrscht ein reges Leben. Das Fleisch, das gekauft wird ist alles mit Bindfaden angebunden und wird so nach Hause getragen. Am Abend sind die Straßen sehr mangelhaft beleuchtet. Vor jedem Laden hĂ€ngt eine Papierlaterne mit chinesischer Schrift. Ehe wir an Bord gingen, besuchten wir das deutsche Cafe Weißman im EuropĂ€erviertel. Am Abend noch lichteten wir die Anker & steuerten stark dem Norden zu. So ging es rasch dem Ziele zu. Nach ein paar Tagen als wir das gelbe Meer hinter uns hatten, erblickten wir ganz mit Nebel umhĂŒllte Berge, alles recht dĂŒster. An Bord herrschte eine fieberhafte TĂ€tigkeit, denn es sollte heute gegen Abend Tsingtau angelaufen werden. Alles war gespannt auf die neue Heimat. Bald erblickten wir hohe Berge, es ist das Lauschangebirge.

 

Kiautschou

 

Da wo der deutsche Aar seine Klauen eingehauen hat
ist deutsch und soll deutsch bleiben 
(Inschrift am sogenannten Dietrichstein in Tsingtau) 
 
Leider war es sehr dunkel als wir vor Tsingtau ankamen und mußten auf der Außenreede liegen bleiben. Des morgens um 7h am 20.02. einem Sonntag fuhren wir dann, bis ĂŒber den Topp geflaggt in den Hafen, begrĂŒĂŸt von unserer Kapelle und unseren Kameraden, welche uns ja so sehnlichst erwarteten. Sobald der Dampfer festgemacht war, brachten wir unsere KleidersĂ€cke an Land & rĂŒckten unter den KlĂ€ngen unserer Kapelle nach unserem neuen Heim, der “Iltiskaserne”

 

Schluß

 

Der Heimatliebe starkes Band

streckt sich mit Innigkeit

hin bis zum fernen Heimatstrand

wohl tausende von Meilen weit

 

44 Tage waren vergangen; vor diesem Start fern am Heimatstrand & dunkel lag die Zukunft vor uns. Nach dieser sind wir an Erinnerungen & Erfahrungen bedeutend reicher. In 6 Wochen, vom Winter in den FrĂŒhling und Sommer zum Winter wird gewiß eine bleibende Erinnerung. Verschiedene LĂ€nder, andere Sitten und GebrĂ€uche kamen uns zu Gesicht und werden uns unvergeßlich sein. Nun sind wir auf deutschen Boden in fremden Lande, aber die Liebe zur Heimat beseelt uns doch und denken nach unserer Dienstzeit wieder gesund zu unsern Lieben in der Heimat zurĂŒckzukehren.

 

 

Ende

 

 

Paul Dorscheimer Ober Matrosen Artillerist

Anmerkung: Dieses Tagebuch wurde ohne RĂŒcksicht auf Inhalt und Orthographie aus der Altdeutschen Schrift von mir ĂŒbertragen. Anmerkungen meinerseits sind kursiv geschrieben. Kurz vor dem verfassen des Tagebuchs wurde eine Rechtschreibreform durchgefĂŒhrt, die mein Großvater grĂ¶ĂŸtenteils beachtete. Kleinere Ausrutscher seien ihm verziehen und prĂ€gen den persönlichen Stil des Verfassers.
Alexander Mai

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